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Meinungen & Interviews

Warum digitaler Selbstmord Quatsch ist

23. März 2010 / Ole Reißmann

Genug gegruschelt: Mehr Zeit für echte Freunde! Endlich die Hausarbeit schreiben! Keine ständiges Nachrichten-Bombardement! Nie mehr die fiese Ex sehen! Weniger vertane Stunden! Es gibt viele Gründe dafür, sozialen Netzwerken den Rücken zu kehren, sein Profil zu löschen und die Mitgliedschaft zu beenden. Wenn jemand so aus den Reihen einer virtuellen Clique scheidet, spricht man vom digitalen Selbstmord.

Eine Web-Anwendung will die Abkehr vom Online-Ich besonders einfach machen. Man gibt nur die Login-Daten von Facebook, Twitter, MySpace und LinkedIn ein, und mit einem Klick ändert die Web 2.0 Suicide Machine daraufhin das Passwort und startet vor den Augen des nunmehr machtlosen Nutzers mit dem Löschen von Freundschaften, Gruppenmitgliedschaften und Statusmeldungen. Schließlich meldet sich das Programm ab – und der Account ist für immer verloren.

Mehr als 1.500 Nutzer haben mit der endgültigen Web-Anwendung bereits ihren digitalen Suizid begangen. Über 100.000 Freundschaften und eine Viertelmillionen Nachrichten wurden so gelöscht. Facebook verwehrt dem Suizid-Service mittlerweile den Zugang zu den eigenen Servern, zu radikal und einfach gestaltete sich der Rückzug aus dem sozialen Netz. Denn Facebook will, dass die Nutzer möglichst lange bleiben – und macht das Löschen von einmal eingestellten Inhalten extra kompliziert.

Vielleicht ist das sogar besser so. Denn die Übergänge zwischen realer und virtueller Welt vermischen sich immer weiter. Früher waren wir ein paar Stunden in der Woche im Internet, heute sind wir ständig online, oft auch schon unterwegs. Wer sich heute völlig aus dem Netz verabschiedet, spürt das früher oder später auch im echten Leben. Zum Beispiel, wenn sich die Freunde über eine Pinnwand zu einer Party verabreden. Oder im Berufsleben, wo über das virtuelle Netzwerken Aufträge und Jobs vergeben werden.

Natürlich muss man nicht jeden Web-2.0-Quatsch mitmachen oder jedes einmal angelegte Profil auf ewig weiterpflegen. Doch bevor man in einem Anfall von Internet-Ekel dem digitalen Ich vollkommen den Stecker zieht und Accounts gleich dutzendweise löscht, lohnt sich womöglich ein Kompromiss.

Statt je einem Account bei MySpace, Facebook und StudiVZ lieber nur einen – in dem Netzwerk, in dem die meisten meiner Freunde sind. Einer meiner Freunde hat sich neulich aus dem StudiVZ verabschiedet, weil die meisten seiner Freunde ohnehin bei Facebook sind. Allen anderen hat er noch eine Nachricht mit seiner neuen Adresse geschickt – und sich dann abgemeldet.

Natürlich setzen soziale Netze alles daran, dass wir immer noch mehr Zeit auf ihren Seiten verbringen. Sie wollen unser kostbarstes Gut: Unsere Aufmerksamkeit. Wer sich auslogged, bekommt sofort E-Mails hinterhergeschickt mit Gründen, sofort zurückzukommen. Dagegen können wir uns wehren, indem wir solche Nachrichten einfach  ignorieren. Wer das nicht schafft, kann sich eine zweite E-Mailadresse nur für soziale Netzwerke zulegen und diese nur noch einmal pro Tag abrufen. Das reguläre Postfach bleibt dann frei von nervenden Updates.

Solche Strategien helfen, mit den Datenfluten zurechtzukommen. Denn eins ist klar: Das Internet wird sich in noch mehr Bereiche unseres Lebens einmischen, die Masse der Informationen wird weiter zunehmen. Wer sich vollkommen ausklinkt, könnte eben so gut das Lesen aufgeben, weil es so unglaublich viele Bücher gibt. Allein in Deutschland erscheinen pro Jahr rund 100.000 neue Werke – unmöglich, davon mehr als einen Bruchteil zu lesen. Natürlich gibt trotzdem niemand das Lesen auf, weil es an sich eine praktische Sache ist.

Mit sozialen Netzwerken ist es genauso. Wir müssen nur lernen, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen.

Weitere Links zum Thema:

  • VentureBeat.com: Web 2.0 Suicide Machine brings sweet, final relief from social networks
  • Spiegel.de: Abschied von StudiVZ und Xing: Mein digitaler Selbstmord

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3 Antworten zu “Warum digitaler Selbstmord Quatsch ist”

  1. Tweets die Warum digitaler Selbstmord Quatsch ist | ichimnetz.de erwähnt -- Topsy.com sagt:
    9. April 2010 um 14:11

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Arno Schimmelpfennig erwähnt. Arno Schimmelpfennig sagte: Warum digitaler Selbstmord Quatsch ist – http://tr.im/V3Cm [...]

    Antworten
  2. Anti-Netzwerker sagt:
    10. Mai 2010 um 11:21

    Digitaler Selbstmord ist überhaupt kein Quatsch. Sondern ein durchaus sinnvoller Entschluss dem Seelenstriptease im Internet endgültig ein Ende zu bereiten und den Missbrauch seiner persönlichen Daten schon präventiv zu verhindern. Am besten noch man war nie in einem drin, dann braucht man auch keinen digitalen Selbstmord zu begehen.

    Soziale Netzwerke braucht kein Mensch. Kontakte kann man – auch über große Distanzen – auch mit anderen Mitteln halten (Telefon, Mail, ICQ, Skype etc.)und auch Verabredungen sind mit den herkömmlichen Mitteln viel einfacher. Wer echte Freunde hat braucht keine digitalen soziale Netzwerke.

    Antworten
    • Nicht Gestalkt sagt:
      13. Juni 2010 um 11:18

      Stimme ich _fast_ vollständig überein.
      Bei den “Bloggern” – und mit diesem Begriff ist es im Grunde auf den Punkt gebracht, jemand veröffentlicht, was kein vernünftiger Mensch jemals machen würde, sein Tagebuch im Internet – handelt es sich meiner Erfahrung nach meistens um im Inneren ihres Wesens bezihungsunfähige und grundegoistische/gestörte Mitmenschen, welche sich bestimmt auch dann keine “großen” Gedanken über ihre digital verübte “Üble Nachrede” machen, wenn auch ihnen gar nicht persönlich bekannte Personen (z. B. durch ihre Handy-Knipserei ala BILD-LESER-Reporter) in den geistigen und menschlichen Verfall mit hineingezogen werden.

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