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Meinungen & Interviews

„Wir wollen nicht belehren, sondern vermitteln.“

2. September 2010 / Tim Gailus

Mehr als 90 Prozent aller 12- bis 19-Jährigen sind laut der JIM-Studie 2009 mehrmals pro Woche online. Knapp die Hälfte ihrer Nutzungszeit verbringen sie in sozialen Netzwerken. Eltern sehen diese Aktivitäten oft mit Sorge. Sie befürchten Datenklau, Eingriff in die Privatsphäre und sprechen oft Verbote aus, SchülerVz, Facebook & Co zu nutzen. Doch verteufeln sollte man die sozialen Netzwerke nicht, meint der Medienpädagoge Moritz Becker vom Verein „Smiley“ in unserem Interview. Es komme darauf an, wie selbstbewusst und kompetent die Jugendlichen durch das Internet surfen.

Smiley ist ein Verein zur Förderung von Medienkompetenz. Wie sieht die Arbeit des Smiley e.V. aus?

[M. Becker]: Die Arbeit in den Schulen ist unser größter Arbeitsschwerpunkt. Alleine vergangenes Jahr haben wir 506 Klassen besucht.

Wir führen Diskussionen in den Klassen über sinnvolle Internetnutzung, aber immer ohne erhobenen Zeigefinger. Auf der einen Seite sprechen wir über die Selbstdarstellung im Internet und wie sehr man andere an seiner eigenen Gefühlswelt teilhaben lassen soll. Auf der anderen Seite ist es trotzdem wichtig, so etwas wie Privatheit als Wert zu behalten und vor allem das Bedürfnis nach Privatheit anderer zu respektieren.

Gibt es eine andere Herangehensweise Kindern und Jugendlichen soziale Netzwerke näher zu bringen, als ständig davor zu warnen?

[M. Becker]: Das ist genau der Spagat, den wir hinbekommen müssen! Wir können nicht ständig sagen, soziale Netzwerke seien gefährlich. Eine andere Herangehensweise und konkrete Beispiele sind hier notwendig.

Ich war letztens in einer 10. Klasse an einer Realschule. Wir redeten über die Zeit nach der Schule: Über Bewerbungen, Praktikum, Ausbildungsplatz. Dabei kamen wir darauf zu sprechen, dass immer mehr Chefs sich die Online-Profile ihrer Bewerber anschauen. Eine Schülerin protestierte: „Was sind das für Chefs? Haben die keinen Respekt vor der Privatsphäre? Die Chefs haben doch auch früher mit 16 Jahren gefeiert. Was ist das für ein ekelhafter Chef, der mir nachspioniert?“ Ich kann das absolut nachvollziehen. Die Schüler fühlen sich durch solche Personaler verfolgt. Ich fragte dann in die Klassenrunde: „Und wie würdet ihr euch dagegen schützen?“ Die Schülerin sagte schnell: „Ja, keine komischen Fotos reinstellen.“

Sie belehren also eine Klasse nicht, sondern vermitteln eher?

[M. Becker]: Genau, wir sehen uns als Moderatoren in einer ehrlichen Gesprächsrunde. Wir wollen nicht belehren, sondern vermitteln. Fast alle Inhalte kommen daher von den Schülern selbst. In einer Schulklasse sitzen dann meistens 2-3 Jugendliche, die Diskussionen anregen. Entweder weil sie sich näher damit beschäftigt haben, oder weil sie sich im Web 2.0 schon die Finger verbrannt haben.

Was für Tipps haben Sie zur Selbstdarstellung im Netz? Zum Beispiel bei Profilbildern.

[M. Becker]: Viele Eltern wollen, dass kein einziges Bild ihres Kindes im Internet auftaucht. Alle anderen Mitschüler haben aber ein Foto hochgeladen und online gestellt. So eine Hundert-Prozent-Bremse der Eltern ist nicht durchzuhalten.

Ein Profilbild ist in Ordnung. Es sollte jedoch so eingestellt sein, dass es möglichst schwer zu bearbeiten ist und nicht in einem anderen Zusammenhang verwendbar ist, z.B. für eine gemeine Fotomontage. Die Person sollte man erkennen können, ein nettes Lächeln ist auch ok. Aber bitte nicht das beste, schärfste Portraitfoto verwenden.

Kann ich lernen, medienkompetent zu handeln?

[M. Becker]: Wissen im Bereich der Medienkompetenz lässt sich nur schwer intellektuell anlesen. Auch Learning-by-doing ist nicht immer der Fall, sondern eher Learning-by-burning.

In einem Fall hat jemand einem Schüler den Account geklaut und alle Leute in der Freundesliste beleidigt; ein Horrorszenario. Das Problem war das zu einfache Passwort. Der Code war zu simpel gewählt. Als der Betroffene dieses Problem schilderte, haben alle seine Mitschüler verstanden. Wir brauchen ein sicheres Passwort, damit uns so etwas nicht passiert. Hier gilt: Aus den Fehlern anderer lernen. Aber keine Sorge, bei uns Erwachsenen ist es doch genauso!

Links zu dem Thema:

NDR Info: Cybermobbing


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