Social Networks: Individuelle Beziehungen vs. gemeinsame Interessen

Beitrag vom 25. Juli 2011

Mit Google+ taucht ein neues großes Netzwerk auf, das sich tatsächlich neben Twitter und Facebook behaupten könnte, denn es hat ein eigenes Prinzip zur sozialen Vernetzung gefunden. Aber was erwarten wir von Social Networks – Beziehungspflege oder Interessensgemeinschaft?

Es wird neben Facebook wohl kaum ein anderes, ähnlich großes Netzwerk geben, bei dem sich Nutzer gegenseitig einen speziellen Bekanntheitsstatus verleihen. Das erklärt die Talfahrt der VZ-Netzwerke, aber auch warum Twitter immer noch ein Überflieger ist, denn dort geht es darum, die Interessen anderer Nutzer zu teilen. Google+ baut darauf auf und führt die “Circles” ein. Welche dieser Herangehensweisen ist am sinnvollsten?

Man kann nicht direkt behaupten, dass Social Networks wirklich versuchen würden, die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen abzubilden oder zu übertragen, aber damit haben sie ein Problem. Wir stellen uns die Frage, welches Verhältnis wir unseren Mitmenschen gegenüber einnehmen und kommen schnell dahinter, dass es eben nicht nur Freunde und Nicht-Freunde gibt. Mit manchen Menschen gehen wir zur Schule oder zur Arbeit, andere treffen wir beim Sport oder in der Freizeit und wieder andere auf Partys. Der klassische Lösungsansatz, um den Qualitäten der Freundschaften gerecht zu werden, sind “Labels”, z. B. Bekannter, bester Freund, Arbeitskollege, usw. Damit ist ein großer Schritt getan, aber das Ziel noch nicht erreicht.

Wir Menschen leben in Gruppen zusammen, die nicht wirklich fest sind. Die Beziehungen zu unseren Mitmenschen sind veränderbar und wir können in jeder Situation aufs Neue entscheiden, wie nahe wir anderen stehen und was wir mit ihnen teilen möchten. Darum können Labels nicht komplett funktionieren, denn jede Beziehung wird von jedem individuell abgestimmt und unterliegt Schwankungen. Die vielen verschiedenen Möglichkeiten in den VZ-Netzwerken unseren Beziehungsstatus anzugeben,  z.B. verliebt, frisch verliebt, verknallt, usw. zeigen an, wie differenziert unsere Verhältnisse anderen Menschen gegenüber sein können. Und definieren wir alle überhaupt gleich, wo genau der Unterschied zwischen den Labels liegt?

Seit Google+ angelaufen ist, versucht Facebook die Gruppenfunktion zu stärken, denn genau in diesem Bereich will der Neuling punkten. Bekanntschaften werden hier nicht mehr nach ihrer Qualität bewertet, sondern nach ihrem Zweck. So bilden sich die “Circles”, also eben keine „Freundeskreise“, sondern Interessensgemeinschaften. Hier steht nicht mehr das individuelle Miteinander zwischen einzelnen Usern im Vordergrund, sondern das Gemeinsame. Genau an diesem Punkt scheint sich die Antwort zu finden, warum Facebook und Google+ gemeinsam nebeneinander existieren könnten: Beide verfolgen unterschiedliche Ziele.

Teils wird bemängelt, dass die Kategorisierung der Freunde und Gruppen auf Facebook zu schwierig sei, während Google+ für die simple Ordnung Lob bekommt. Das lässt sich leicht erklären: Da es wohl kein Netzwerk geben kann, das wirklich allen individuellen Nuancen menschlichen Miteinanders gerecht werden kann, scheint tatsächlich die Idee nahe zu liegen, darauf zu verzichten und die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund zu stellen – genau das ist es, was Twitter und Google+ tun. Alle Facetten lassen sich einfach nicht festhalten, da Menschen ihre Beziehungen ganz eigen bestimmen. Es mag im echten Leben schon schwierig sein, die zwischenmenschlichen Beziehungen mit einem Etikett zu versehen. Aber im Internet, wo darüber hinaus ein gemeinschaftlicher Begriff für eigene Qualitäten festgehalten werden soll, ist es unmöglich. Daraus folgt allerdings, dass wir das wirklich soziale Netzwerk wohl nur offline finden können.

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Über den Autor

Stefan OhlrichStefan Ohlrich

Stefan Ohlrich studiert Germanistik, Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Hamburg. Als „Digital Native“ der Redaktion, berichtet er regelmäßig über seine Streifzüge durch die Social Sphere.

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